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Jan Karski – Mein Bericht an die Welt

Bloged in Buchkritik von admin Sonntag Januar 29, 2012

Karski-Mein Bericht an die Welt- Geschichte eines Staates im Untergrund
Manchmal braucht es Jahre, in diesem Fall Jahrzehnte, bis ein Buch und dessen Autor die Wertschätzung erfährt, die ihm gebührt.
„Story of a secret state“, so der Originaltitel, erschien im Jahr 1944 in den USA und ist ein ungeschminkter Bericht Jan Karskis, über sein geheimes Leben als Kurier der polnischen Exilregierung und der Heimatarmee.
Beim Lesen breitet sich eine kaum glaubliche Lebensgeschichte aus: Karski, Reserveoffizier und aus einer streng katholischen Familie stammend, erlebt den deutschen Überfall auf Polen mit und gerät auf dem Rückzug nach Osten in sowjetische Gefangenschaft. Nach einem Gefangenenaustausch mit den Deutschen, gelingt ihm die Flucht aus einem Gefängniszug und er schließt sich der polnischen Untergrundbewegung an. Dort werden seine Fähigkeit und sein Geschick erkannt und er wird mit geheimen Kuriermissionen betraut. Schier tollkühn gelingt es ihm Gestapofolter zu überleben und seinen Häschern zu entkommen. Jüdische Partisanen schleusen ihn ins Warschauer Ghetto ein, als ukrainischer Wärter getarnt gelingt es ihm unerkannt in das Vernichtungslager Izbica Lubelska einzudringen. Auf abenteuerlichen Wegen (u.a. über Berlin) führt ihn seine Mission nach England um der polnischen Exilregierung und Anthony Eden Bericht über die Zustände im besetzten Polen zu erstatten. Danach führt ihn der Weg in die USA, wo er Präsident Roosevelt trifft. 1944 schreibt er seine Erinnerungen. Das Buch verkauft sich in den vereinigten Staaten 400000 Mal. Damit ist der Holocaust schon vor dem Kriegsende vielen Menschen bekannt. Das Buch hat auch über 65 Jahren nach seinem Erscheinen nichts an seiner Wirkung verloren. Detailliert beschreibt Karski das Leben im Untergrund, die Strukturen, den Schattenkrieg, die Untergrundpresse, das System der Verbindungsagentinnen, die geheimen Schulen. Er beschreibt auch eine uns Deutschen unbekanntes Detail: das System der planmäßigen Vertreibung der polnischen Bevölkerung und des Terrors. Familien mussten nur Stunden nach der Mitteilung ihre Wohnungen oder Höfe verlassen, Eheschließungen wurden nur von der deutschen Besatzung genehmig. Dem  Buch ist anzumerken, daß es unter dem unmittelbaren Eindruck der Ereignisse geschrieben wurde. Kompromisslos aber auch oft von einer gewissen Sprachlosigkeit durchzogen – für die geschehenen Gräueltaten an der jüdischen Bevölkerung gibt es in der Geschichte nichts Vergleichbares.
Warum wird dieses Buch erst jetzt wieder publik? Karskis Schilderungen hatten in der nach dem Krieg entstandenen dualen Welt – dem Ost-West-Konflikt – keinerlei politischen Wert. Im sozialistisch stalinistischen Polen gab es keine Heimat für einen ehemaligen Kurier des bürgerlichen polnischen Untergrunds. Karski immigrierte in die USA, dort lehrte er als Professor für Osteuropakunde an der Georgetown University in Washington D.C.
Erst Elie Wiesel und Claude Lanzmann holten ihn wieder in das Licht der Öffentlichkeit zurück. In Lanzmanns Monumentaldokumentation „Shoah“ gibt es eine 40 Minuten Sequenz in der Karski ausführlich Zeugnis über seine Beobachtungen im Warschauer Ghetto und im Vernichtungslager Izbica Lubelska ablegt.
In der ausführlichen Einführung der französischen Historikerin Celine Gervais-Francelle wird noch einmal die Intention Karskis deutlich: Beschreiben was war, beschreiben das das polnische Volk aus einem unbedingten Freiheitswillen handelte. Ein historischer Schicksalsbericht eines „Gerechten“, der nicht unbeteiligt lässt.
Text: Ulf Engelmayer
Jan Karski    Mein Bericht an die Welt
, gebunden, 625 Seiten, 28,-€
Kunstmann, Feb.2011, ISBN 978-3-888-97705-3

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