D. E. Stevenson – Stich ins Wespennest – Roman
Silverstream ist ein kleiner idyllischer Ort an einem Fluss im Tal gelegen. Es hat eine Bäckerei, eine Kirche, eine Arztpraxis und eine Pension. Die Menschen die hier leben kommen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten, jedoch ist der Ort überschaubar und die Menschen kennen sich untereinander. Hier leben Offiziere im Ruhestand, der Arzt mit seiner Familie, ein neuer Pastor der aus einer Erbschaft vermögend ist, aber mit dem Einkommen eines Geistlichen auskommen will, ein Börsenmakler mit seiner Frau, einer im Ort tonangebenden Dame, einige alleinstehende Frauen von denen eine ihre 17-jährige Enkelin zu Gast hat. Die Frauen, teilweise verwitwet, sind durchaus nicht nur alte Damen. Mrs. Greensleeves ist eine noch junge Witwe, die unbedingt einen neuen, vermögenden Ehemann sucht um ihr weiteres Leben abzusichern. Und dann gibt es Miss Barbara Buncle. Sie ist alleinstehend und lebt mit ihrer Dienstmagd Dorcas im Tanglewood Cottage. Das Haus wurde ihr von den Eltern vermacht und Barbara Buncle lebt von den jährlichen Dividenden aus dem hinterlassenen Vermögen. Im England der 30er Jahre war es um die Wirtschaft schlecht gestellt und die Dividende reichte hinten und vorn nicht mehr aus, um ein selbst sehr bescheidenes Leben zu führen. Barbara fasst den Entschluss ein Buch zu schreiben. Sie kann nur über Dinge erzählen die sie kennt und deshalb schreibt sie ein Buch über ihr Dorf und seine Bewohner. Natürlich tauscht sie die Namen aus, aber im Grunde ersetzt sie nur vorhandene Namen in ähnliche neue. Sie schreibt unter dem Pseudonym John Smith und findet tatsächlich in Mr. Arthur Abbott vom Verlag Abbott & Spicer, mit Sitz in London, einen Verleger. Mr. Abbott erkennt das Potential in der Geschichte und das Buch erhält den Titel „Der Störenfried“. Es wird ein Bestseller. Barbara Buncle freut sich über das verdiente Geld, geht aber mit den Einnahmen vorsichtig um, damit niemand in Silverstream etwas davon merkt. Sie will nicht als der Autor des Buches erkannt werden. „Der Störenfried“ wird natürlich auch in Silverstream gelesen und schließlich erkennt ein Leser die sehr authentisch beschriebenen Charaktere wieder. „Da hat jemand über unser Dorf geschrieben und muss sich mit den Interna Bestens auskennen“! Barbara Buncle ist nicht boshaft, aber sie beschreibt die Personen aus ihrer Ansicht und hält den Charakteren einen Spiegel vor. Sie ordnet die Angelegenheiten wie es ihr in den Sinn kommt. Einzel Personen werden zu Paaren vereint, ein Ehepaar wird getrennt, weil in der Realität der Gatte ein Tyrann ist. Das Dorf spaltet sich in Gruppen die den Inhalt eher milde oder amüsiert betrachten und die Gegner wollen den weiteren Vertrieb unbedingt unterbinden. Es werden Treffen der Bewohner arrangiert um John Smith zu entlarven und zu bestrafen.
Dorothy Emily Stevenson wurde 1892 in Schottland geboren. Ihre Familie war dafür bekannt Leuchttürme zu besitzen. Der Schriftsteller Robert Louis Stevenson, Autor von „Die Schatzinsel“, war ein Cousin ihres Vaters. D.E. Stevenson schrieb zahlreiche in Großbritannien und den USA erfolgreich veröffentlichte Romane.
„Stich ins Wespennest“ ist eine charmante Satire, die über eine Idylle berichtet. Diese ist aber nach genauerem Hinsehen trügerisch. Die Geschichte wird genutzt um sympathischen aber auf jeden Fall unsympathischen Mitmenschen einen Spiegel vorzuhalten. Es wird gezeigt wie sich Verhalten auf die Umgebung auswirkt, ausgesprochen was wegen guter Erziehung und um des lieben Friedens Willens normalerweise nicht gesagt wird. Wer sich für gesellschaftliche Interaktionen und und deren Auswirkungen interessiert, ist mit D.E. Stevensons Roman bestens unterhalten. Heute noch so aktuell wie im Erscheinungsjahr 1934.
Text: Jutta Engelmayer
D. E. Stevenson – Stich ins Wespennest, gebunden, 338 Seiten, 17,99€
Manhattan Verlag, Nov.2011, ISBN 978-3-442-54687-9



Keine Kommentare
Noch keine Kommentare.
Leider ist die Kommentarfunktion zur Zeit deaktiviert.