radio lounge 

 home | Stream Modem | Stream ISDN | Stream DSL | Filmblog der radio lounge
Too Cool for Internet Explorer

John Niven – Gott bewahre – Roman

Bloged in Buchkritik von admin Donnerstag November 10, 2011

Niven - Gott bewahreGott kommt aus seinem einwöchigen Angelurlaub zurück. Er ist bester Laune und gut erholt. Die gute Laune hält nicht lange vor, als er sein Büro betritt. Dort stapeln sich Kartons mit Akten, Papieren, DVDs und CDs. Seine persönliche Assistentin hat alles was sich auf der Erde während Gottes Abwesenheit zugetragen hat chronologisch sortiert und aufgebaut.
Die himmlische Zeit vergeht sehr viel langsamer, ein Tag im Himmel entspricht ungefähr 57 Jahren auf der Erde. Damit hat Gott die Aufgabe sich über die letzten 400 Jahre auf Erden zu informieren. Sein Glück ist, das es sehr schnell lernt, denn als er zu seinem Angelurlaub aufbrach, gab es noch keine Telefone, Computer, Internet und Fernseher. 1609, zur Zeit von Michelangelo, Kopernikus und Leonardo da Vinci sieht auf der Erde alles gut aus und Gott freut sich auf seinen Urlaub. Jetzt eine Himmelwoche und 400 Erdenjahre später sitzt er in seinem Büro und liest alle Dokumente, simultan sieht er Videos und DVDs, parallel dazu öffnet er Dateien in seinem Computer. Das Entsetzten wird immer größer, je weiter er sich in Richtung des zwanzigsten Jahrhunderts durcharbeitet. Bergen Belsen und Buchenwald, Hiroshima und Nagasaki, Ruanda und Bosnien, Kommunismus und Kapitalismus, Abtreibungsgegner und Nulltoleranz, hochverzinsliche Risikoanleihen und Blankverkäufe, Fatwa und Jihad, Glaubenskriege in Irland und im Nahen Osten. Seine Mitarbeiter hören von Zeit zu Zeit durch seine geschlossene Bürotür sein Heulen und Schreien, zwischendurch muss Gott sich übergeben. Gott trinkt zur Mittagspause ein Glas Whisky und weint bitterlich. Nachdem er sich erholt hat, zitiert er Jesus zu sich. Der zieht sich gerade mit Jimi Hendrix einen himmlischen Joint rein und übt ein paar Riffs auf der Rhythmusgitarre. Jesus geht in das Büro seines Vaters, der ihm lächelnd ein Glas Wasser reicht. Nachdem Jesus den ersten Schluck würgend ausspuckt erklärt ihm Gott wütend was er da getrunken hat: Eine Wasserprobe aus dem Ganges. Gott ist stinksauer auf seinen Sohn. Du sitzt auf deinem trägen Arsch und die missbrauchen da unten den Fluss als Toilette. Gott zieht Jesus am Ohr zu den verschiedenen Schlagworten die er aus seiner Aufarbeitung der letzten 400 Jahre notiert hat. Jesus bekommt eine Standpauke über: Verantwortung, Geisteshaltung, Selbstdisziplin. „Ich dachte du passt hier auf den Laden auf, während ich Urlaub mache“. Jesus ist den Tränen nahe. Was ist bloß aus SEID LIEB geworden.
Seid Lieb ist das einzige Gesetz was Gott verfasst hat, die anderen 10 kamen nicht von ihm. Dafür war Moses verantwortlich.
Gott ruft eine Himmelskonferenz zusammen: Petrus, Matthäus, Andreas, Johannes und Jesus nehmen teil. Für den Abend macht die persönliche Assistentin von Gott noch einen Termin mit Luzifer zum Dinner. Satan gibt zu das er in den letzten Jahren reichen Zuwachs für seine Hölle bekommen hat. Die Zuwachsquoten tendieren in seine Richtung. Es muß dringend etwas geschehen. Gott beschließt Jesus wieder auf die Erde zu schicken und gibt ihm den Auftrag: Lehre sie die Bedeutung der Worte SEID LIEB.
Jesus startet seinen Trip auf Erden in New York. Dort gerät er aus Zufall an eine Bewerbungsausschreibung zu einer Casting Show. Jesus ist charismatisch, sieht gut aus, kann wunderbar singen und spielt himmlisch Gitarre. Leider ist er ziemlich undokmatisch.
Was aus dieser Casting Show wird und ob es JC – Jesus Christ – gelingen wird, den Auftrag seines Vaters zu erfüllen beschreibt John Niven in seinem Roman Gott bewahre.
In den ersten Kapiteln bedient sich Niven eines extremen Vokabulars. Es wirkt zunächst schockierend, aber in den folgenden Kapiteln relativiert sich Nivens Schreibstil. Die Story von Jesus erneutem Einsatz auf Erden um den wahren Willen seines Vaters zu verkünden, benutzt Niven um die religiöse Unvernunft und den Zerstörungswahn der Menschen anzuprangern. Vielleicht bezweckt Niven mit seinen zum Teil sehr sarkastischen Beschreibungen skandalös zu wirken. Ob er damit Umweltverschmutzer, Ausbeuter und religiöse Fanatiker erreicht bleibt offen. Interessant und konsequent ist in jedem Fall der Schluß der Geschichte.

Text: Jutta Engelmayer
John Niven – Gott bewahre - Roman, gebunden, 400 S., 19,99€
Heyne Hardcore, 22.08.2011, ISBN 978-3-453-67597-1

Keine Kommentare

Noch keine Kommentare.

Leider ist die Kommentarfunktion zur Zeit deaktiviert.

Powered by Wordpress, theme by Dimension 2k