Die Woche, in der Jérôme Kerviel beinahe das Weltfinanzsystem gesprengt hätte - Ein Insiderbericht von Hugues Le Bret
Der Finanzsektor ist im allgemeinen ein abgeschottetes soziales System, welches sich im Allgemeinenden den Blicken der Öffentlickeit entzieht. Erst bei Krisen und Skandalen öffnet sich ein schmales Fenster und gibt einen Blick in dieses geschlosssene System. Selten das ein Insider auspackt. Hugues le Bret, ehemaliger Kommunikationschef der Sociètè Gènèral legt mit seinem Buch einen intimen Bericht über eine der größten Banken Frankreichs vor.
Sonntag der 20.01.08 10:30 Uhr
Hier beginnt die Geschichte. Anruf vom Chef der Sociètè Gènèral, Daniel Bouton, der zu einem sofortigen Erscheinen in der Bankzentrale drängt. Dort angekommen, wird Le Bret über einen finanziellen Super Gau in der Bank informiert. Ein Wertpapierhändler des Unternehmens hat ein sogenanntes rogue trading begangen. Unter rogue trading versteht man den betrügerischen Handel mit Finanzprodukten. Der Begriff rogue kommt aus dem englischen und hat eine Doppelbedeutung: er steht sowohl für betrügerisch als auch für einzelgängerisch.
Im Verlauf der nun folgenden internen Ermittlungen wird schnell klar, dass es sich um ein gigantisches Betrugsmanöver im Milliardenbereich handelt. Die internen Kontrollmechanismen haben schlichtweg versagt.
Die Bank, die zudem eine Gewinnwarnung bekannt geben muss, spielt auf Zeit und versucht die betrügerischen Positionen abzubauen um den Bilanzverlust möglichst niedrig zu halten. Parallel verhandelt mit anderen Banken um eine Eigenkapitalerhöhung durchzuziehen. Nach Vorabinformierung der Finanzaufsicht und Teilen der politischen Entscheidungsträger entschließt sich die Bank fünf Tage später an die Öffentlichkeit zu gehen. Die Medienreaktion ist verherrend: nicht die Absicht der Bank, ein Finanzdesaster noch größeren Ausmasses zu verhindern zählt, sondern die Medienmeute reagiert schockiert auf die Mitteilung, dass es einem Einzeltäter gelungen sein soll, durch Spekulation einen Verlust von fünf Milliarden Euro zu generieren. Fragen nach der Person des Täters werden laut, Unverständnis über das Versäumnis der Bank Strafanzeige zu erstatten.
Das übliche Medien Karussell kommt in Gang, schnell ist der Name des Tätes bekannt, es gibt Spekulationen über mögliche Mittäter, der Ruf nach Rücktritt des Vorstandschefs der Sociètè Gènèral wird laut. Eine große französische Konkurrenzbank, die BNP Paribas, versucht mit Hilfe poltischer Freunde eine feindliche Übernahme vorzubereiten.
Und der Täter selbst? Dieser vesucht sich mit Hilfe einer der Regierung nahestehenden PR Agentur als Opfer bankinterner Machenschaften darzustellen.
Hugues Le Bret versucht in Tagebuchform die Ereignisse aus der Innenansicht des betroffenen Unternehmens darzustellen: den Versuch der Schadensbegrenzung, die Vorbereitungen der ersten Pressekonferenz, die internen Ermittlungen, sowie das Bemühen zu verstehen was eigentlich passiert ist. Die Akteure werden hautnah und schonungslos beobachtet, ihre Anspannung, die sich anbahnenden Machtkämpfe in der Organisation, das Scheitern von Personen.
Die Nähe zum Geschehen ist jedoch ein schweres Manko des Buches. Zeitweise liest es sich wie eine professionelle Rechtfertigung der Abläufe. Unklar bleibt auch nach Ende des Buches – trotz ehrlichem Bemühen – wie es Jérôme Kerviel gelingen konnte über Monate unbemerkt seinen riskanten Geschäften nachzugehen. Zudem fällt der Autor streckenweise in einen Fachjargon, der es dem Nichtfachmann schwierig macht, inhaltlich zu folgen.
Denoch: ein faszinierender Blick in das abgeschottete System der Finanzwirtschaft, die „Masters of the Univers“ erhalten ein Gesicht. Vor uns liegt – und das ist die überraschende Seite – ebenso eine schonungslose Abrechnung mit den Mechanismen der Mediengesellschaft. Ein befreundeter Journalist antwortet auf die Frage des Autors, warum die Medien so auf das Unternehmen einprügeln: „Die öffentliche Meinung will das so… Wir haben 25 Prozent mehr Zeitungen verkauft“ Da zeigt sich der journalistische Beruf als klares Spannungsfeld zwischen Information und Marketing, und ist damit nicht mehr so weit vom restlichen System entfernt.
von Ulf Engelmayer
Hugues Le Bret
Die Woche, in der Jérôme Kerviel beinahe das Weltfinanzsystem gesprengt hätte.
Ein Insiderbericht
Verlag Antje Kunstmann
ISBN 978-3-88897-722-0
München 2011 Preis 18. Euro



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