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Die Casting Gesellschaft – Bernhard Pörksen / Wolfgang Krischke (Hrsg.)

Bloged in Buchkritik von admin Freitag Juli 22, 2011

Die Castinggesellschaft - Bernhard Pörksen / Wolfgang Krischke„Was passiert, wenn man in dem Bewußtsein lebt, das überall Spiegel herumstehen?… Was tut man, wenn eine diffuse Öffentlichkeit über die eigene Person diskutiert?“
Offensichtliche Fragen auf dem Weg in eine Casting-Gesellschaft in der „Image und Ich“ unauflösbar miteinander verschmelzen, eins der zentralen Thesen diese Buchs von Bernhard Pörksen und Wolfgang Krischke. Zum Thema gibt es reichlich Literatur, die sich in der Regel in einem unbestimmten Kulturpessimismus erschöpft. Die Herausgeber von „Die Casting-Gesellschaft – die Sucht nach Aufmerksamkeit und das Tribunal der Medien“ gehen einen anderen Weg. Nach einem 25seitigen – für mich zu kurzen – Übersichtsartikel sind in dem über 300 Seiten starken Buch zwei Dutzent Interviews zu finden. Eine so breite Palette von Fachleuten zu diesem Thema ist wohl selten zu finden. Dies reicht vom Philosophen Norbert Bolz, der mit seiner These vom Casting-Format als Schule der sozialen Intelligenz für grosse Aufregung sorgte über den ehemaligen Chefredakteur des Stern, Michael Jürgs, der sich über die medialen Seichtgebiete verausgabt, bis hin zu den unvermeidlichen Representanten des Casting Geschäfts wie Thomas M. Stein, dem ehemaligen RTL Chef Helmut Thoma und der Fernsehmoderatorin Miriam Pielhau. Ehemalige Castingstars, Rechtsanwälte, Kulturkritiker, Wissenschaftler, sowie Betroffene runden das Bild ab.
Neu am Phänomen Casting ist die Erzeugung von sogenannten Medienprominenten, die ihren Status nur durch eine zunehmende Aufmerksamkeitsspirale gewinnen und nicht durch irgendwelche Leistungs- oder Kompetenzmerkmale. Quasi eine „Demokratisierung der Prominenz“. Einer von uns, das könnte auch Ich sein, dies ist ein Geheimnis des hohen Beliebtheitsgrades dieser für 15 Minuten Berühmtheiten. Ein Beispiel dafür ist die wohl bekannteste Realfamily im Fernsehen, die Birkhahns. Immer als Klischee dargestellt, mal als Deutschlands Dicke, mal als Sozialfall. Ein aufschlussreiches Interview mit der Mutter Natascha Birkhahn ist ebenfalls in dem Band zu finden. Denn hier trifft sich das Castingformat mit dem Reality TV. Beide brauchen bestimmte Typen die eine extreme Form der Inszenierung,  eine Zuspitzung und Polarisierung ermöglichen damit der Hype am Leben erhalten werden kann. Dies befördert ebenfalls die Entwicklung immer extremerer Formate. Neuster Dreh ist die „scripted reality“ – Drehbücher die von Laien so dilettantisch gesprochen und gespielt werden, das sie als unbedingt real gelten.
Und da sind wir dann woanders, wie die Herausgeber von „Die Casting-Gesellschaft“ meinen: Nicht mehr beim klassischen Journalismus der aufklären und orientieren will, sondern bei der Therapie und Betreuung von Betroffenen.
Als Nachschlagewerk ist dieser Interviewband unverzichtbar, allerdings wirft er mehr Fragen als Antworten auf. Hier wäre ein Grundlagenwerk von Medienwissenschaftlern überfällig.
 

Text: Ulf Engelmayer

Bernhard Pörksen / Wolfgang Krischke (Hrsg.)
Die Casting Gesellschaft , 340 Seiten, TB
Edition medienpraxis im Herbert von Halem Verlag ,2011, ISBN 978-3-86962-014-5

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