E-Musik und Rock n`Roll - Musikfilme auf dem Hamburger Filmfest
Das Hamburger Filmfest ist voll im Gange. Zwei Filme für Musikfreaks - Süden und Tractor. Love and Rock n`Roll - sind mir persönlich ins Auge und ins Ohr gesprungen.
Mauricio Kagel, der Eigenwillige, der Clown unter den Vertretern der Neuen Musik ist tot. Der argentinisch-deutsche Komponist, Dirigent, Liberittist und Regisseur starb am 18. September in seiner Wahlheimat Köln. Und der junge argentinische Filmemacher Gastón Solnicki hat mit seinem ersten langen Film SÜDEN eine Doku über den Maestro hingelegt, die auf wunderbare Art einfängt, was Kagel als Vollblutmusiker und als Menschen ausmachte. Solnicki hat Mauricio Kagel bei einem Besuch in seiner alten Heimat Argentinien begleitet. Jahrzehntelang war er nicht mehr da. Mit jungen argentinischen Musikern, die sich seiner Musik verschrieben haben, tritt er nun, seine Werke vortragend, auf. Der Film zeigt en passant, wie Perfektion auch daher kommen kann. Liebe zum Detail.
Die Suche nach dem Klang, der passt. Und jede Menge Humor. Perfektion ja, aber toternst beim Vortragen sein: Nein. Ironie und Selbstironie der Werke Kagels ergeben sich beim bloßen Dranbleiben. Akustisch wie visuell. Der Charme des Dirigenten seiner eigenen Werke ergibt sich aus dem zögernden Nicht-immer-einverstanden-sein und der kindlichen Freude, wenn der richtige Ausdruck gefunden wurde. Ob nun in einer flüchtigen Aktion mit 111 Radfahrern in EINE BRISE. Oder in Vokalwerken, die von den Sängern interpretatorisch einen brecht’schen Gestus abverlangen. Oder in Orchesterwerken, die den Sinn und Unsinn bestimmter Musikstücke hinterfragen. Was ist zum Beispiel ein Marsch? Gastón Solnicki hat mit SÜDEN eine sehr persönliche Homage an Mauricio Kagel entworfen, die einen Einblick in das Schaffen des Allroundtalentes gibt, die auch Neueinsteigern im Bereich Neue Musik ans Herz gelegt werden kann. Humor sprengt nämlich so manche Grenzen. Das ist Punk! Und Kagel freut das sicher im Jenseits noch heftig!
SÜDEN läuft auf dem Filmfest Hamburg im CINEMAXX 2 am Mittwoch, den 1. Oktober
um 20 Uhr.
Abgründigen Humor und Musik, allerdings auf Spielfilmniveau und in der Sparte Rock ‘n’ Roll liefert Branko Djuric in TRACTOR, LOVE AND ROCK ‘N’ ROLL. 2004 lief bereits sein Regiedebüt CHEESE AND JAM auf dem Filmfest Hamburg. Bekannt ist er auch als Schauspieler aus dem mit vielen Preisen überhäuften NO MAN’S LAND. In TRACTOR, LOVE AND ROCK’N’ROLL begibt sich Branko Djuric in die 1960er Jahre unter die slowenische Landbevölkerung. Auf dem Dorf wird Volksmusik noch gepflegt und gelebt. Nur der nichtsnutzige Jungbauer Breza verschreibt sich dem Rock’n’Roll und jagt jeder neuen Platte hinterher, um die Musik auf seiner Gitarre einzuüben. In einer selbstbewußten jungen Kellnerin findet er eine Gleichgesinnte. Der Plot ist sehr traditionell. Kennt man auch aus Pußta-Operetten. Aber aus so ollen Kamellen kann ein Komödiant wie Branko Djuric tolle Einfälle zaubern. Allein die Eingangssequenz treibt einen die Tränen in die Augen, so komisch ist das. Durch ein gelbes Feld wird ein Kasten bewegt? Wer trägt hier was? Und Djuric Auftritt als Jungbauer Breza zeigt die Wandlung vom Landei zum stadtfeinen Besucher der “Szene” auf besondere Art. Da wechselt man halt die Schuhe! Und zwar dort, wo der sandige Weg zur betonierten Straße wird: Gummistiefel beiseite gelegt und fesche Stiefeletten angezogen. Es gibt ländliche Tipps der Haarpflege und Dorffesteindrücke. Einen bigotten Ehemann, eine Wahrsagerin, Shintimusik, fetzigen Rock’n’Roll und eine Hochzeit. Zu-guter-Letzt findet der Bösewicht - wie es halt so läuft - dann noch sein wohlverdientes Ende. Und alles in diesem bizarren Balkanhorizont. Was will man mehr, um gute Laune zu bekommen. Das wußten schon Oma und Opa! Also: ein hoch auf die Tradition! Oder doch eher auf eine ironische Wiederauferstehung? Nun denn….. Es funktioniert halt immer noch. Und wann kommt das Remake von ICH DENKE OFT AN PIROSCHKA? So lange können wir uns an schrägen Filmen aus Osteuropa warm halten. Wie eben
Branko Djuric TRACTOR, LOVE AND ROCK’N’ROLL. Nach einem Roman von Feri-Lainscek. Als Film irgendwie ein guter Mix zwischen abgefahrenem Kusturica und lakonischem Kaurismäki!
TRACTOR, LOVE AND ROCK’N’ROLL läuft auf dem Filmfest Hamburg.
Dienstag, 30.September, um 21:45 Uhr im CINEMAXX 5.
Donnerstag, 2. Oktober, um 20 Uhr im CINEMAXX 6.
Text: Meike Gastner



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