home | Stream Modem | Stream ISDN | Stream DSL | movie lounge Twitter | movie lounge shop | Impressum
Too Cool for Internet Explorer

Festival des lateinamerikanischen Films in Toulouse

Bloged in Festivals von admin Freitag März 27, 2009

Ein Blick auf die Wettbewerbsfilme des 21iemes Rencontres Cinémas d’Amerique Latine in Toulouse von Michael Luppatsch.
Nach dem allgemein sehr verhalten aufgenommenen Eröffnungsfilm „Amorosa Soledad“ von Martin Carranza und Victoria Galardi, dem auch Inés Efron als sich selbst suchende junge Frau mit selbstauferlegtem Beziehungsverbot keinen besonderen Drive geben konnte, startete der Wettbewerb um den Grossen Preis „Coup de Coeur“ mit dem Fischkind, „El niño pez“ der Argentinierin Lucia Puenzo, ebenfalls mit Inés Efron in der Hauptrolle.

Lucia Puenzo hatte 2007 mit „XXY“ (auch mit Inés Efron) ein beachtliches Debüt gezeigt, eine berührende Geschichte um eine zweigeschlechtliche Jugendliche und ihre Entwicklungsverwicklungen. Mit ihrem zweiten Film „El niño pez“, der schon bei der Berlinale zu sehen war, übernimmt sich die Argentinierin allerdings: Neben einer lesbischen Beziehungsgeschichte werden u.a. Abhängigkeitsverhältnisse zwischen Vertretern der bürgerlichen Schichten und ihrer Hausangestellten, Vergewaltigung durch den Vater, märchenhafte Elemente um das in einem See ausgesetzte Fischkind, Mord und Suizid, die wirtschaftliche Ungleichheit zwischen Argentinien und Paraguay sowie die Situation in Mädchenheimen und Frauengefängnissen in 96 dann wirre Minuten gezwängt.

Ebenfalls viel zu viel wollte der Kolumbianer Jorge Echeverri in „La voz de las alas“ stecken. 40 Jahre kolumbianische Geschichte, Klassenkämpfe und Inzestbeziehungen, Guerilla und Familienzwist, Sexualität und Kindheitstraumata bilden eine Mischung, die den Zuschauer zunächst überfordert und dann langweilt.

Die als brasilianische Hommage an John Cassavetes’ „Gloria“ angekündigte Geschichte der Lehrerin „Veronica“ habe ich nicht sehen können. Kollegen sprachen allerdings von einer zu engen Anlehnung an das Vorbild durch Mauricio Farias, der vor allem mit TV-Serienepisoden für den brasilianischen Sender Globo-TV bekannt wurde und der mit „Veronica“ seinen zweiten Spielfilm nach Toulouse brachte.

Stolz ist man hier in Toulouse, dass diesmal ein Spielfilm aus Ecuador zu den Wettbewerbsfilmen gehört. Schliesslich werden dort nur zwei oder drei Langfilme im Jahr produziert. Der symphatische Mateo Herrera stellt mit „Impulso“ seinen vierten Film vor, eine in meist gut komponierten Schwarz-Weiss-Bildern erzählte Geschichte einer 17jährigen. Jessica ist Hardrock-Fan und sucht ihren Vater, den sie seit mehr als 10 Jahren nicht gesehen hat. Die Suche führt sie aufs Land, auf die Finca ihres Onkels, der als Veterinär nicht nur Tiere versorgt. Dort findet sie zwar nicht ihren Vater, dafür aber einen etwa gleichaltrigen Cousin. Naheinstellungen von Obstkörben, Springerstiefeln und zerissenen Jeans als Gruppenabzeichen, eines Sony-Cassettenrecorders, der erstmal laut brummt, bevor die harte Musik einsetzt, Blicke auf Treppen, Bücherregale und ziegelbedeckte Dachfirste: Regisseur Herrera hat sich viel einfallen lassen um nicht zu langweilen. Doch die meist sehr einfachen, platten Dialoge und die sehr gesucht in Szene gesetzten mystischen Aspekte der Geschichte lassen den Betrachter immer wieder aus dem Film herauskippen, so dass ein zwiespältiger Eindruck zurückbleibt. Mateo Herrera ist sich dieses Mankos durchaus bewusst und so suchte er in den Gesprächen auf dem Festival mit französischen Produzenten, die Filme mit Lateinamerikanern machen wollen, und Kollegen aus anderen Ländern vor allem nach einem guten Drehbuchautor, mit dem er kooperieren könnte. Bilder mit der nötigen Kraft findet Herreo auf jeden Fall.
Beides, Geschichte und Form stimmen in der argentinischen Parodie auf den Kunstbetrieb „El Artista“ von Mariano Cohn und Gaston Duprat. Der Krankenpfleger Jorge Ramirez reicht die Bilder eines Patienten, des autistischen Alten Romano, bei einer anerkannten Galerie ein und wird zu einem Star der Kunstszene, der überall herumgereicht wird. Drehbuchautor Andrès Duprat ist selbst Kunstkurator und hat mit viel Sinn für Humor entlarvende Sprüche und Kommentare zur aktuellen Kunst zusammengetragen und den Betrachtern der „Werke“ von Ramirez/Romano in den Mund gelegt. Mit Zitaten um sich werfend stehen diese dann vor den Bildern und der Kinozuschauer sieht sie sozusagen durch die Bilder, betrachtet die Betrachter. Diese Perspektive wird immer wieder eingesetzt, auch als Jorge Ramirez und Romano Passfotos machen müssen, weil Ramirez nach Rom eingeladen wird. Sie verliert ihren Reiz auch deshalb nicht, weil sie ergänzt wird von Bildern auf kathedralenhaft aufsteigende Bücherregale (bei einem Kunstprofessor und Förderer von Ramirez, gespielt vom Drehbuchautor A. Duprat selbst), von einem verloren zwischen weiss-grauen Stuhlreihen sitzenden unbeholfenen Künstler Ramirez, von den Veränderungen die das Aussehen des „Künstlers“ und seiner Wohnung (weg vom blümchenbesetzten Pril-Stil zu klarem, nacktem Weiss!) erfahren. In dem was er sagt, bleibt Jorge Ramirez die ganze Zeit gleich, bei sich: Wortkarg, einige angelernte Sprechhülsen nutzend, oft schweigsam. „Seine brilliante Antwort auf die Sinnfrage des Werkes: Silencio absoluto!“, ist eine engagierte Expertin begeistert, die durch seine erste Einzelausstellung führt. Kunstkurator und Gelegenheitsdrehbuchautor Andrès Duprat will die eigene Welt nicht nur kritisieren, sondern zeigen, mit allen ihren Snobismen, Missverständnissen und Wichtigtuereien. Diese Welt fasziniert ihn und stösst ihn gleichzeitig ab. Zum Gelingen des Films trägt auch die Sorgfalt mit dem Ton bei, etwa der letzte Schwung des Striches, wenn wir Romano (wieder aus der Perspektive des entstehenden Werkes selbst) nicht nur sehen sondern diesen Schwung auch als eindringlichen Kratzer auf dem Papier hören.
„Gallero“ des Argentiniers Sergio Mazza ist für mich ein weiterer Anwärter auf den Grossen Preis „Prix du Coeur“ oder den Publikumspreis. Die Liebesgeschichte mit tragischen Elementen bringt den rund 45jährigen alleinstehenden Kampfhahnzüchter Mario mit der verwitweten Julia zusammen. Das alles in einer kargen, ärmlichen Landschaft (der Region Catamarca), auf dem Land in einfachen, bescheidenen Häusern. Sehr langsam und bedächtig geschieht diese Annäherung, die von einfachen Hilfen, dem Reparieren des Hausdaches oder eines Gasherdes ausgehen und sich über wortkarges aber doch festliches gemeinsames Essen fortsetzt. Mehr zu seinem Film gibt es hier nachdem ich Segio Mazza interviewt habe, der vor der Auffürung in der Toulouser Cinematheque das Publikum warnte: sehr langsam, manchmal schwer zu ertragen sei sein Film. Wie unrecht er doch hatte!
Der siebte vorgesehene Wettbewerbsfilm, der chilenische Beitrag „La Nana“ (Die Hausangestellte) wurde hier zwar mit grossen Erwartungen angekündigt. Die Kopie ist aber irgendwo verschollen und es bleibt fraglich, ob sie bis zur zweiten vorgesehenen Aufführung am Freitagabend eintrifft. Philippe Courtemanche, neuer Präsident des veranstaltenden Vereins A.R.C.A.L.T. hatte gestern zumindest noch keine Ahnung, was mit der Kopie geschehen ist.
Michal Luppatsch

Keine Kommentare

Noch keine Kommentare.

Leider ist die Kommentarfunktion zur Zeit deaktiviert.

Powered by Wordpress, theme by Dimension 2k