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Die Berlinale Filmkritik: Das Turinische Pferd von Bela Tarr

Bloged in Berlinale 2011 von admin Mittwoch März 2, 2011

Das Motto: eine Begebenheit aus dem Leben von Friedrich Nietzsche. Ein Droschker peitscht sein unwilliges Pferd aus. Nietzsche geht dazwischen und fällt dem Pferd weinend um den Hals. Seine Worte: „Ich bin dumm“. Nietzsche verfällt daraufhin in Agonie. Sein geistiger Verfall läßt sich nun nicht mehr aushalten. Er stirbt zehn Jahre später.
Lapidar wird uns das erzählt. Noch sehen wir eine schwarze Leinwand. Und danach: In gestochenen schwarz-weiss-Bildern mit einem bedrohlich wirkenden Klangteppich von Natur- und Umweltgeräuschen und einer Musik, die aus einem von John Carpenters Horrorfilmen stammen könnte, verfolgen wir ein karges „Leben“.
Vor allem aber beherrscht ein Sturm die Szene. Ein Mann und sein Gespann erreichen mit größter Mühe den Hof. Das Pferd ist eine alte Schindmähre, die bald schon als erstes Wesen den Dienst verweigert und aufhört zu funktionieren. Den Vater und seine Tochter erleben wir sechs Tage lang in ihrem Alltag, der in starkem Reduktionismus inszeniert wird. Die Tochter hilft ihrem Vater beim An- und Ausziehen der Kleider, sie bereitet das Essen, zwei Pellkartoffeln, die zusammen gegessen werden. Sie schaut aus dem Fenster. Ein ritualisierter Ablauf des Tages.

Unterbrochen von der Ankunft eines Nachbarn, des einzigen, der etwas zu besprechen hat, was über das alltägliche Einerlei hinausgeht. Hier erfahren die Bilder eine Aufwertung in Richtung apokalyptischer Erzählung. Anscheinend hat das Böse gesiegt, weil die Guten nicht in der Lage waren, sich dagegen zu wehren. Die Erwiderung des Hofherrn ist: „Blödsinn!“ Wie auch immer, es ändert nichts am Geschehen. An der Mühsal der bloßen Existenz. Nur eine Gruppe von Roma erscheint noch. Sie erscheinen fröhlicher. Bedanken sich für das Wasser, das sie bekommen mit einem Buch. Die Tochter liest daraus. Es ist die Bibel. Kurz darauf ist das Wasser im Brunnen versiegt und Vater und Tochter müssen mit dem Notwendigsten weiterziehen. Aber auch am neuen Ort geht das Leben weiter wie bisher. Irgendwann hört der Sturm auf. Am sechsten Tag mag die Tochter nicht mehr essen. Einen siebten Tag gibt es nicht mehr zu beobachten. Mit Bezug auf die Schöpfung in der Bibel muss man das wohl so deuten, dass es keinen Ruhetag mehr gibt. Und es gibt auch nichts, zu dem man sagen könnte, dass es gut sei.
Dadurch dass so wenig geredet wird, kommt der Betrachter dazu, die Bilder in Bezug auf sein Motto zu interpretieren. Zunächst fragte ich mich, warum der Mensch beim Leiden von Tieren Mitleid verspürt; beim kargen, harten Überlebenskampf von Menschen jedoch keine Regung aufbringen kann. Menschen, die vollkommen sinnentleert existieren. Denn Leben kann man das kaum nennen. Unlebendig, Schatten ihrer selbst… Zu entkräftet, um etwas zu wagen, das man Leben nennen könnte. Und in einer unsichtbaren Regie werden sie selber zu den Vollstreckern des Spiels, das sich Funktionieren nennt.

Text: Meike Gastner

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