home | Stream Modem | Stream ISDN | Stream DSL | movie lounge Twitter | movie lounge shop | Impressum
Too Cool for Internet Explorer

AUF DER SPUR DER BÄREN und PLAY IT AGAIN … - eine Hommage an die 60 Jahre Berlinale

Bloged in Berlinale 2010, Retrospektive von admin Donnerstag Februar 18, 2010

 

Deer Hunter Foto: Berlinale 2010 

Was wäre ein Festival ohne seine Retrospektive? Insbesondere in diesem Jahr, wo die Berlinale ihr 60. Jubiläum feiert – und damit natürlich auch ein Stück sich selbst. Da bot sich natürlich ein Rückblick auf die wechselvolle Geschichte des Festivals an: Mit „Die Spur der Bären“ drehte Hans Christoph Blumenberg eine knapp eineinhalbstündige Dokumentation zusammen mit Alfred Holighaus (der seit 2001 für die Berlinale arbeitet und insbesondere für die Sektion „Perspektive deutsches Kino“ zuständig ist).
Geschildert werden zunächst die Anfänge, als Anfang der 1950er Jahre zwei Männer, ein amerikanischer Presseoffizier und der deutsche Jurist und Filmhistoriker Alfred Bauer, gemeinsam die Idee internationaler Filmfestspiele entwickelten – auch um der Bevölkerung der damals geteilten Stadt ein wenig Ablenkung vom grauen Alltag zu bieten. Zunächst fand die Berlinale im Sommer statt - und aufgrund der vielen kriegszerstörten Filmpaläste wurde ein Großteil des Festivals quasi Openair auf der Waldbühne veranstaltet. Der kalte Krieg war ein wesentlicher Motor zu Realisierung des Festivals - und der Versuch des Ostblocks, mit einer Art „Gegenfestival“ zu kontern, scheiterte jedoch schon nach wenigen Jahren …

 
Spannend werden in der Dokumentation dann die Auseinandersetzungen in der APO-Zeit geschildert, die 1970 sogar zum vorzeitigen Abbruch des Festivals führten, weil sich die Jury über die Einbeziehung eines umstrittenen fiktiven Kriegsdramas von Michael Verhoeven (”o.k.”) zerstritt. Neun Jahre später war es wieder ein Film, der das Thema des Vietnamkrieges zum Mittelpunkt hatte, „Die durch die Hölle gehen – The Deer Hunter“, der den Ostblock zum quasi kollektiven Auszug aus dem Festival veranlaßte, dass sich erst fünf Jahre zuvor überhaupt den „sozialistischen Ländern“ geöffnet hatte. Mit dem Forum des Jungen Films wurde dann aber eine Art alternatives Festival in die Berlinale mit eingebunden - eine Panoramaschau mit Werken junger Regisseure, zumeist Erstlingswerke, die nicht selten interessante Alternativen zu den Filmen bereits etablierte Regisseure bieten. Darüber und über viele andere große und kleine Anekdoten berichtet die durchaus sehenswerte Dokumentation über 60 Jahre Berlinale.In der Reihe „Play it again“ können zudem noch einmal echte oder vermeintliche filmische Höhepunkte aus den 60 Jahren des Festivals in Gänze besichtigt werden. Die vom Filmhistoriker David Thomson erstellte Reihe wartet durchaus mit mit einigen interessanten Titeln auf. So wurde noch einmal mit dem Klassiker „Ikiru - Einmal wirklich leben“ gezeigt, der 1952 auf dem Festival lief und in ungewöhnlich eindringlicher Bildsprache, natürlich noch ganz in Schwarzweiß, die letzten Tage im Leben eines biederen japanischen Verwaltungsbeamten zeigt. Dieser legt erst in dem Moment, als er von seiner unheilbaren Krebserkrankung erfährt, die  starre Maske des unflexiblen Bürokraten ab - und widmet sich dann mit ganzen Herzen einem berechtigtem Bürgeranliegen, dem Bau eines Kinderspielplatzes in einem heruntergekommenen und sumpfigen Landstrich seiner Heimatstadt, wo man ihn schließlich eines Tages tot auffindet: Auf der Kinderschaukel sitzend, mit glücklichen Gesichtszügen …  

Ein weiterer Klassiker aus den Anfangsjahren der Berlinale ist “Lohn der Angst” von Henri-Georges Clouzot, der in den Jahren 1951 bis 1952 entstand: Knapp 150 Minuten lang, in Schwarzweiß gefilmt. Yves Montand, Charles Vanel, Folco Lulli und Peter Van Eyck übernahmen damals die Hauptrollen. Die Filmhandlung ist irgendwo in Venezuela angesiedelt, in einem verschlafenen Nest namens Las Pietras. Hier leben einige Europäer, die ihre Zeit mit Nichtstun totschlagen. Sie sitzen in der Kneipe oder auf irgendeiner Veranda und leben fast mittellos einfach so in der Tag hinein. Es sind Gestrandete der Gesellschaft, doch plötzlich bietet sich Ihnen die Chance ihres Lebens: Auf einem recht weit entfernten Ölfeld ist eine Förderanlage explodiert und die Ölgesellschaft sucht freiwillige, die zwei LKWs mit Nitroglizerin dort hintransportieren – mit Hilfe des Sprengstoffs sollen die brennenden Ölquellen gelöscht werden, indem man die Bohrlöcher sprengen will.  Vier Männer melden sich freiwillig, wohlwissend welches Himmelfahrtskommando ihnen bevorsteht - und alles für knapp 4000 US-Dollar, gleichwohl für alle Beteiligten genügend Geld, um das Land endlich verlassen und irgendwo anders ein neues Leben beginnen zu können.
Rund eine Stunde Film passiert erst einmal kaum etwas, außer einer sehr präzisen Schilderung der Misere in Las Pietras und der Vorstellung der Charaktere – und erst danach beginnt die eigentliche Höllenfahrt. Der französische Meisterregisseur Clouzot versteht es raffiniert, die Spannung zu steigern, wobei zumeist nicht pure „Action“ angesagt ist, sondern viele Momente des Suspense durch angedeutete Handlungselemente oder auch die durch Dialoge entstehen. Eine kleine Liebesgeschichte ist zwar auch am Rande eingebaut - aber so geschickt, dass sie den Erzählfaden der Geschichte nicht störrt. Fernsehzuschauern wird die Story übrigens vemutlich sehr bekannt vorkommen: 1976 verfilmte US-Regisseur William Friedkin den Stoff unter dem Titel „Atemlos vor Angst“ noch einmal neu - in Farbe, mit Roy Scheider, Bruno Cremer und Karl John in Rolle des deutschen Abenteuers – doch wer das Original von 1952 gesehen hat, wird schnell feststellen, dass das Remake doch eigentlich nur ein schwacher Abklatsch war. Mag auch die Einführung im Original vielleicht aus heutiger Sicht ein klein wenig zu lang geraten sein, so bietet doch die spannungsgeladene Fahrt des Nitroglizerintransporters durch die unwegsame Landschaft Nervenkitzel par exellence, bei der man keine Minute missen mag. Zu Recht gab es dafür damals den Goldenen Bären. Ein unbedingt lohnenswertes Wiedersehen mit einem unvergeßlichen Filmklassiker, den es inzwischen übrigens auch auf DVD gibt (u.a. ist er auch in der Reihe „100 Filmkassiker der Süddeutschen Zeitung“ erhältlich).  

Leider erscheint die Filmauswahl der Retrospektive nicht immer ganz geglückt: Etliche Titel vermißt man, über die lange und kontrovers gestritten wurde, oder die viele Besucher ganz besonders berüht haben. Natürlich – hinsichtlich der insgesamt rund 16.000 Filmtitel wollte man bei der Programmauswahl vermutlich ganz bewußt nicht immer nur die „Best of“-Werke vorstellen. Vermutlich wäre es auch langweilig geworden, nur jene 60 mit dem Goldenen Bären prämierten Werke zu zeigen (von denen einige sicherlich nicht auch ganz zu Unrecht inzwischen auch wieder der Vergessenheit anheim gefallen sind). Manche Titel hingegen, die man in der Reihe erwartet hätte, waren offenbar nicht mehr in Form akzeptabler Kopien zu bekommen oder aus Gründen wie z.B. von rechtlichen Streitigkeiten der Urhebern nicht mehr verfügbar. So ist übrigens auch der umstrittene Film „o.k.“ von Michael Verhoeven aus dem Jahre 1970 nicht im Programm. Schade eigentlich, denn  gerne hätte man sich natürlich selbst einmal ein eigenes Urteil hinsichtlich des Werkes erlaubt (welches übrigens als Vergleich zu Brian de Palmas „Die Verdammten des Krieges“ Ende der 1980er Jahre noch einmal in einigen Kommunalen Kinos zu sehen war).
Volker Reißmann

Keine Kommentare

Noch keine Kommentare.

Leider ist die Kommentarfunktion zur Zeit deaktiviert.

Powered by Wordpress, theme by Dimension 2k