Ehren-Berlinale-Preise (Claude Chabrol, Maurice Jarre, Manoel de Oliviera)
Immer schon hat die Berlinale gerne altgediente Schauspieler und Regisseure geehrt. Und so konnte man auch dieses Jahr wieder ein paar filmische Denkmale bestaunen: Den legendären französischen Filmkomponisten Maurice Jarre beispielsweise, dessen Klänge unzähligen Filmklassikern, allen voran “Doktor Schiwago” und „Lawrence von Arabien“, eine unverwechselbare musikalische Note gaben: Er wird mit dem Goldenen Ehrenbären geehrt. Oder Claude Chabrol, der Altmeister des französischen Kinos, der mit 78 Jahren am Sonntagabend mit der Berlinale-Kamera für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde und gleich auch einen neuen Film mitbrachte, „Bellamy“ mit Gerard Depardieu. Chabrol war bereits vor genau fünfzig Jahren das erste Mal mit „Schrei wenn du kannst“ auf einer Berlinale vertreten - und hatte damals auch gleich den Goldenen Bären mit nach Hause nehmen dürfen.
Eine filmische Legende jedoch schlug die Vorgenannten noch glatt aus dem Feld: Der am 11. Dezember 1908 in Portugal geborene Manuel de Oliviera war bereits fünfmal im Berlinale-Forum zu Gast. Mit inzwischen über hundert Jahren dürfte er wohl der älteste noch aktive Filmregisseur der Welt sein - und mit Sicherheit der Einzige, dessen erste filmische Erfahrungen noch aus dem Ende der Stummfilmzeit und den Anfängen der Tonfilmzeit datieren: „Fischer auf dem Douro-Fluss“ hieß sein erster dokumentarischer Film aus dem Jahre 1931. Zwar mit einem Spazierstock in der rechten Hand, ansonsten aber für das biblische Alter erstaunlich rüstig und eher wie ein Siebzig- oder Achtzigjähriger aussehend, nahm er am gestrigen Montagabend für eine Pressekonferenz auf dem Podium Platz. Ob das Geheimnis seines hohen Alters, wie in Internet-Foren gemaßt wird, nun die besondere südeuropäische Ernährung oder es womöglich die Gene seiner Vorfahren sind, von denen ja viele auch sehr alt wurden, mag dahingestellt bleiben.
Faszinierend jedenfalls, wie präzise de Oliviera die Fragen der Journalisten beantwortete – seine einzige Schwäche schien eine leichte Schwerhörigkeit zu sein, die ihm die Benutzung des kleinen Übersetzungs-Kopfhörers unmöglich machte – dank einer Dolmetscherin, die aus der Kabine nach vorne eilte, war dann aber eine doch noch ungestörte Kommunikation möglich. Und er hatte gleich auch einen neuen Film mitgebracht: „Die Eigenheiten einer jungen Blondine“. Der neue Film von de Oliviera ist eine verzwickte Liebesgeschichte und erzählt von einem jungen Mann, der in Lissabon für seinen Onkel als Buchhalter tätig ist und von der Veranda seines Büros auf das Fenster eines gegenüberliegende Hauses blicken kann. Dort erblickt er desöfteren eine junge Frau, die sich mit einem chineischen Fächer Kühlung verschafft. Der junge Mann verliebt sich in sie und ein Bekannter vermittelt ihm alsbald auch einen Kontakt zu der Dame. Doch eine Heirat wird ihm von seinem Onkel versagt und auch das Schicksal meint es ansonsten nicht gerade gut mit der Beziehung der beiden. Das ansehnliche Alterswerk wurde schließlich nur 64 Minuten lang - und konnte als Koproduktion diverser europäischer Fernsehanstalten (darunter auch ZDF und arte) realisiert werden.
Auf die Frage eines Journalisten, wie lange er denn noch beabsichtige, weiter als der wohl nunmehr dienstälteste Filmregisseur der Welt tätig zu sein, meinte Oliviera, das läge nicht in seiner Hand: Aber er selbst würde sich aber noch weitere Projekte wünschen - und verband seine Antwort gleich mit einem philosophischen Exkurs über die seiner Meinung nach im Moment durch Umweltkatastrophen und Kriege besonders gebeutelte Weltsituation. Ansichten, die sicherlich auch ein Stück Altersweisheit beinhalten und die man einem Hundertjährigen gerne zugestehen mag.
Volker Reißmann



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