Wettbewerb: Tropa de Elite
Ein Film im Wettbewerb erregte gestern die Gemüter der Presse wie auch des Publikums besonders: Der brasilianische Beitrag „Tropa de Elite“ von José Padilha. Der Film hatte in seinem Heimatland im letzten Jahre alle Zuschauerrekorde gebrochen, auch weil schon vor der Kinouraufführung eine Rohschnittfassung auf illegal gebrannten DVDs im Lande kursierte – die immer rund zwölf Millionen gesehen haben sollen. Im Kino fand der Film dann noch einmal rund 2,5 Millionen regulär zahlende Zuschauer – und war somit der kommerziell erfolgreichste Film in Brasilien.
Regisseur ist José Padilha, der bereits vor einigen Jahren mit dem Film „Bus 147“ auf sich aufmerksam machte, der eine blutige Geiselnahme in einem Linienbusses in Rio de Janeiro zeigte. Nun beschäftigte sich der neue Film des Regisseurs mit dem Kampf einer Elite-Polizeitrupp namens BOPE gegen die Drogenmafia. Der Film spielt 1997 kurz vor einem geplanten Papst-Besuches in Rio. Da der Papst im Hause eines Kardinals übernachten will, welches sich am Rande eines Slumsgebietes befindet, soll die Truppe die Drogendealer der näheren Umgebung ausschalten und das Gebiet säubern. Der Polizeioffizier Nascimento, führt das Elite-Kommando. Eigentlich möchte er aufgrund seines Alters bei der Truppe aufhören, muss zuvor jedoch einen geeigneten Nachfolger finden und einarbeiten. Nacimente befindet sich in einer persönlichen Krise, zumal seine Frau Rosane in Kürze die Geburt ihres ersten Kindes erwartet - und ihn täglich darum bittet, sich aus der Schusslinie zurückzuziehen. Die normale Polizei hat längst im Kampf gegen das Verbrechen kapituliert und beschränkt sich auf das Kassieren von Schmiergeldern. In dieser Situation erreicht Nasciementos Einheit ein Notruf. In einer Favela es zu einer Schießerei zwischen Drogendealern und Polizisten gekommen, als man sich nicht über das Schmiergeld einigen konnte. Nascimento und seine Leute den Polizisten zur Hilfe kommen. Zwei junge Beamte, die zwar die Schießerei durch ihr Erscheinen vor Ort mitausgelöst haben, aber nicht zu den korrupten Polizisten gehören, sind von Nascimentos Truppe und ihrem Einsatz beeindruckt. Umgehend melden sich beide als Nachwuchskräfte zur Ausbildung bei der Eliteeinheit an. Der eine ist bekannt für seinen Wagemut, der andere beeindruckt durch seine Intelligenz. Nascimento hofft, mit einem der beiden einen geeigneten Nachfolger gefunden zu haben – und zunächst müssen die beiden das unmenschliche anmutende Auswahlverfahren durchstehen.
Der Vorwurf, den man den Film machen kann, ist weniger die Gewalt und Gewaltverherrlichung – da hat man schon Schlimmeres gesehen. Vielmehr trage der Film faschistoide Züge, da er die Gewalt als legitim und notwendig zeige, schrieben auch brasilianische Zeitungen. Und in der Tat, einige Szenen, in denen Mitglieder des Sondereinsatz-Kommandos gefangengenommenen Gangmitgliedern Plastiktüten über den Kopf ziehen und brutale Foltermethoden anwenden, erregten in Brasilien die Gemüter besonders. Per Gerichtsbeschluss wollten einige Mitglieder der BOPE deswegen den ganzen Film verbieten lassen. Auf der Pressekonferenz nach der Berlinale-Vorführung erklärte der Regisseur, die Gewalt, die Film zeige, schildere eine Situation von vor rund zehn Jahren, auch wenn die Drogenprobleme immer noch nicht gelöst seien. Er plädiere deshalb für eine Legalisierung insbesondere weicher Drogen, um den illegalen Drogenverkauf und die mit verbundene Kriminalität einzudämmen. Sauer stieß der Film auch der brasilianischen Mittelschicht auf, da insbesondere weiße Studenten als Konsumenten der Drogen und damit als Hauptverursacher der ganzen Gewalt dargestellt sind. Der Regisseur bestätigte, dass er schon das Problem sähe, dass die Reichen die Drogengangs finanzieren würden.
Wirklich sympathisch ist übrigens eigentlich kaum eine der Figuren im Film: Korrupt die normalen Polizisten, schmierig die mit Drogen dealenden Slumbewohner, narzistisch oder am Rande des Kollaps stehend die Mitglieder der Eliteeinheit. Trotzdem gelang dem Regisseur auch durch intensiven Handkameraeinsatz und die hervorragend agierenden Hauptdarsteller, die sich vor den Dreharbeiten übrigens selbst der BOPE-Spezialausbildung unterzogen, ein fraglos packender Film, der eine kontroverse sozialkritische Thematik aufgreift. Eine Thematik, über die man wohlweislich streiten kann. Ein genauer Starttermin des Films in den deutschen Kinos steht leider noch fest, es ist aber damit zu rechnen, dass er wohl im Laufe diesen Jahres auch von einem deutschen Verleih in die Kino gebracht wird.
Volker Reißmann



Keine Kommentare
Noch keine Kommentare.
Leider ist die Kommentarfunktion zur Zeit deaktiviert.