Berlinale Special: Om Shanti Om
Es ist seit vielen Jahren Tradition, dass immer mindestens zwei indische Filme auf der Berlinale laufen: Ein aktueller Beitrag der Bollywood-Filmindustrie und ein Werk des unabhängigen Independent- oder Regional-Kinos. 2006 wurde auf der Berlinale der indische Blockbuster „Parineeta“ gezeigt und 2007 war es die Krimi-Burleske „Don“. Auch dieses Jahr wurde die bewährte Mischung von indischen Kommerz- und Arthaus-Filme beibehalten. Diesmal im Programm war der Streifen „Om Shanti Om“, der bereits im November 2007 erfolgreich in Indien angelaufen ist. Er wurde als Berlinale Special gezeigt, also außerhalb der üblichen Reihen oder des Wettbewerbs.
Zugleich fand der Besuch eines der momentan unbestritten erfolgreichsten indischen Filmstars überhaupt, Shah Rukh Khan, auf der Berlinale statt, der in „Om Shanti Om“ die Hauptrolle spielt. Khan, 1965 geboren, spielte bereits in rund 60 Bollywood-Filmen größtenteils Hauptrollen und genießt in seinem Land bei den Fans einen gottähnlichen Status. Auch deutschen Fernsehzuschauern dürfte er inzwischen nicht mehr gänzlich unbekannt sein, laufen doch etliche seiner Streifen mehrmals im Monat auf RTL II in Freitagabendprogramm.
Bollywood-Filme, dass sei noch einmal kurz erläutert, zeichnen sich in aller Regel durch Überlänge und längere Tanzszenen aus. Laufzeiten von bis zu 4 Stunden sind keine Seltenheit. „Om Shanti Om“ übrigens hat „nur“ 168 Spieldauer. Premiere war am Freitagabend um 20.30 Uhr im Kino International unweit vom Alexanderplatz. Mehrere hundert Fans, teilweise aus ganz Deutschland angereist, warteten schon seit Stunden auf den Schauspieler. Sie wurden nicht enttäuscht: Über eine halbe Stunde ließ sich der Star Zeit und verteilte Autogramme, bevor er im Saal seinen neuen Film vorstellte.
„Om Shnati Om“ spielt in der ersten Filmhälfte im Bombay der 1970er-Jahre: Hauptprotagonist Om Prakash, gespielt Shahrukh Khan, schlägt sich zusammen mit seinem Freund Pappu als Filmstatist durch leben. Beide wollen eigentlich Schauspieler werden und Oms Mutter, selbst eine ehemaligen Nebendarstellerin Bela, glaubt auch fest daran dass ihr Sohn einmal ein Leinwand-Held werden wird. Zunächst einmal verliebt sich der Hauptdarsteller jedoch in die Leinwandgöttin Shantipriya. Zwar wird Shanti bei Dreharbeiten von Om bei einer spektakulären Stuntszene in letzter Sekunde aus einer Feuerfalle gerettet, doch seine heimliche Angebetete ist bereits mit einem Filmproduzenten verheiratet, was die Öffentlichkeit aber nicht erfahren soll. Und ebendieser Filmproduzent entpuppt sich als gemeiner Fiesling, der seine Frau, als sie ihm von ihrer Schwangerschaft berichtet, selbige bei einem hinterhältigen Anschlag beseitigen lassen will, da sie nun nicht mehr als Leinwandidol taugt. Beim Versuch, seine Flamme zu retten, kommt schließlich auch Om ums Leben – doch keine Sorge, es ist ja ein Bollywood-Film und hier sind Wiedergeburten, durchaus keine Seltenheit.
Den Plot sollte man – wie auch sonst zumeist bei Bollywood-Filmen – nicht allzuernst nehmen. Er dient lediglich als Klammer, die diversen Tanz- und Songnummern zusammenzuhalten. Darüber hinaus ist der Film ein Hommage an das indische Kino der 1970er Jahre und der Zuschauer erfährt, dass Schlaghose, breite Revers und große Karos an den Sakkos seinerzeit offenbar auch in Indien große Mode waren. In der zweiten Hälfte des Films, in dem Om bzw. seine Reinkarnation wirklich zu einem Filmstars aufsteigt, hat dann auch nahezu die gesamte Filmprominenz aus Bollywood ihren Auftritt. Viele Stars waren bereit, sich selbst zu karikieren und auch dem Hauptdarsteller Shah Rukh Khan bot der Film die Möglichkeit zu sehr viel selbstironischen Auftritten. Einige der Tanznummern sind ohne Frage phänomenal in Szene gesetzt – was sicherlich nicht nur die Frauen mittleren Alters ansprochen haben dürfte, die ja bekanntlich häufig als vermeintlich größte Fangemeinde derartigen Filme gesehen werden. Regisserin des Film ist Farah Khan, eine ehemalige Choreografin, die auch bereits vor genau 10 Jahren für die spektakulären Tanzszenen auf dem Dach eines fahrenden Eisenbahnzuges beim Bollywood-Meisterwerk „Dil Sie – von ganzem Herzen“ verantwortlich zeichnete. Frau Khan, übrigens nicht verwandt oder verschwägert mit dem namensgleichen Hauptdarsteller, konnte angesichts ihrer unmittelbar bevorstehenden Niederkunft – sie erwartet Drillinge – leider nicht zur Berlinale kommen.
Dafür zeigte sich Herr Khan auf der Berlinale selbst um so aktive und aussagefreudiger, was auch die Berliner Presse honorierte. „Die Supernase aus Bollywood“ titelte der Tagesspiegel in Anspielung auf den etwas überdimensionierten Riechkolben des Schauspielers und feierte ihn als „heimlichen Star der Berlinale“, hätten doch seine Fans fast mehr Begeisterungsstürme hervorgerufen als die Stone bei ihrem Auftritt am Tage zuvor. Da die Eintrittskarten bereits nach wenigen Minuten nach der Freischaltung vor einigen Tagen im Internet ausverkauft waren, ebenso wie die Tickets an den Vorverkaufs-Countern am Potsdamer Platz, wurde sogar noch eine zusätzliche Vorstellung am gleichen Abend direkt im Anschluss an die reguläre Premiere ins Berlinale-Programm aufgenommen, die ebenfalls in wenigen Minuten ausverkauft war.
Shah Rukh Khan selbst gab am Sonnabend fleißig Interviews für diese Print- und Onlinemedien und besuchte am Sonntagmorgen ein Diskussionspanel auf dem Talent Campus, wo er mit Maria Schrader und einer Schauspielerin des nigeranischen Kinos, welches gerne als Nollywood bezeichnet wird, über die Machart und Perspektiven „guter Liebes-Films“ sprach – auch dieses Panel war sofort restlos ausverkauft.
Der Film „om Shanti Om“ soll übrigens , so wurde es auf der Pressekonferenz angekündigt, am 6. März auch in ausgewählten deutschen Kinos laufen. Der indische Filmverleiher Eros-Entertainment will ihn in einer teilweise synchronisierten Fassung in Kooperation mit drei Multiplex-Ketten auch in vielen großen deutschen Städten selbst in die deutschen Filmtheater bringen – auch dies ein absolutes Novum, liefen doch bisher fast immer Bollywood-Streifen in Arthouse-Kinos, zumeist von deutschen Kleinverleihern in untertitelter Fassung präsentiert. Bleibt abzuwarten, ob sich dieser Engagement wirklich auszahlt und ob jenseits der bereits bestehenden Fangemeinde – zusammen mit dem PR-Rückenwird der Berlinale – der Film das breite deutsche Publikum erreicht.
Volker Reißmann




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