Wettbewerb: Feuerherz
Ein Film, der schon vor der Berlinale kontrovers disktuiert wurde, ist einer der beiden deutschen Beiträge im Wettbewerb, “Feuerherz” von Luigi Falorni, der im vorletzten Jahr mit der quasi-dokumentarischen “Geschichte vom weinenden Kamel” debüttierte und nun seinen ersten reinen Spielfilm inszeniert hat.
Das Problem liegt allerdings weniger in dem Film selbst, als vielmehr in dem Umstand, dass als Vorlage ausgerechnet die Kindheitserinnerungen der aus Äthopien stammenden Sängerin Senait Mehari benutzt wurden. Sie schilderte in dem erfolgreichen Buch, dass inzwischen über eine halbe Million Auflage erzielt haben soll, eindrucksvoll ihre Erlebnisse im Unabhängigkeitskrieg ihres Heimatlandes - wobei sie erst später einräumte, zwar bei der Befreiungsbewegung angehört zu haben, aber gar nicht unbedingt eine Kindersoldatin im richtigen Sinne gewesen zu sein.
Leidenschaftlich entbrannte deshalb eine Debatte um das Buch und seinen Wahrheitsgehalt – sogar deutsche Gerichte mussten sich inzwischen damit beschäftigen und haben kürzlich auch ein erstes Urteil dazu gefällt. Insbesondere Exil-Eritrear empfanden den Vorwurf, im Befreiungskampf gegen die äthiopische Vorherrschaft seien auch und gerade Kindersoldaten zum Einsatz gekommen, quasi als Beleidung und nachträgliche Nestbeschmutzung ihres jahrelangen Kampfes.
Dessen sehr wohl bewusst, haben die deutschen Produzenten und der Regisseur Falorni von vorneherein die Bezeichnung “frei nach“ verwendet - wobei sie aber offenbar nicht den Mut hatten, einen gänzlich anderen Titel zu wählen oder sich komplett von der Vorlage zu lösen. Immerhin steht im Mittelpunkt nun ein fiktives Mädchen namens Awet, das als Kleinkind von ihrer Mutter verlassen wird und mitten in den Wirren des Unabhängigkeitskrieges Eritreas gegen Äthiopien in einem Waisenhaus in Asmara aufwächst. Ihr verschwunden geglaubter Vater holt sie nach einigen Jahren zu sich und seiner neuen Familie, wo sie jedoch nicht willkommen ist. So übergibt sie ihr Vater schließlich zusammen mit ihrer Schwester an eine der beiden eritreischen Befreiungsarmeen. Die beiden Mädchen kommen in ein Lager, in dem sie nach einiger Zeit auch zu Kämpfern ausgebildet werden. Awet muss sich an ein hartes Leben gewöhnen. Die Grundkonstellation der Geschichte ist – auch wenn die Namen verändert wurden – unverkennbar dem Buch von Senari Mehari entnommen.
Doch erst einmal zurück zum Film: Die jungen Hauptdarstellerinnen, selbst Flüchtlinge aus Eritrea – spielen durchaus realistisch und mit viel Hingabe. Drastische Gewaltdarstellungen gibt es glückerlicherweise nur relativ wenige, dafür verharrt die Kamera häufig lange und ausgiebig auf den Gesichtern der Kinder und dokumentiert ihre Reaktionen auf das Geschehen.
Ausführlich schilderten die Produzenten auf einer Pressekonerenz auf der Berlinale die Schwierigkeiten, die sie den Dreharbeiten im letzten Jahr in Kenia hatten, sprangen doch etliche der gerade erst ausgewählten Darsteller nach offenbar erfolgten Drohungen Dritter wieder ab. Es entstand ein sicherlich durchaus sehenswerter Film, der allerdings inszenatorisch und dramaturgisch nur wenige richtige Höhepunkte aufweist. Ohne Frage, der Film hat ein ehrenwertes Anliegen, doch man fragt sich, ob die Produzenten nicht doch besser beraten gewesen wären, sich gänzlich von der umstrittenen literarischen Vorlage zu lösen und das Problem verschleppter und später in Bürgerkriegen missbrauchter Kinder aus einer völlig unbelasteten Perspektive zu erzählen. So wird das Werk durch den mit grosser Leidenschaft geführten Streit überschattet, welche Fakten nun in Meharis Buch der Wirklichkeit entsprechen und welche nicht. Die wichtige Botschaft an die Politiker, endlich etwas gegen die Zwangsrekrutierungen von Kindersoldaten zu unternehmen, droht dadurch leider in den Hintergrund zu geraten. In die deutschen Kinos wird der Film übrigens voraussichtlich erst am 19. Juni 2008 kommen.
Volker Reißmann




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