Das Filmfest Hamburg geht langsam zu Ende, hier ein paar Tips für Freitag:
I KILLED MY MOTHER Eine sehr krasse Darstellung des normalen Wahnsinns der Mutter-Sohn-Beziehung in der Pubertät ist das Regiedebüt von Xavier Dolan. Der 20jährige Kanadier hat neben Produktion, Buch und Regie auch die Hauptrolle in I KILLED MY MOTHER übernommen. Die beiden Protagonisten ersparen sich emotional und verbal nichts. Neben dem sich anbahnenden Unvermögen weiter miteinander zu leben, sorgt das schwule Coming-Out für Unstimmigkeiten. Die Wut über das nicht-verstanden-werden führt beim Helden Hubert zu den merkwürdigsten Fantasien. So ist auch der Titel I KILLED MY MOTHER zu verstehen. Obwohl man ja auch sagt, dass man erwachsen wird, wenn man seine Eltern in einem symbolischen Akt getötet hat. Ich fand den Film von Xavier Dolan sehr ehrlich und unverblümt. Den Mut einen solchen Film zu machen, muss man erst mal haben. Hochachtung!
Läuft: Freitag, 02.10., 19:30 Uhr, ABATON (klein) (franz. mit engl.U)
Zwei sehr zu empfehlende Philosophiefilme sind diesmal im Programm des FILMFESTES HAMBURG.
EXAMINED LIFE Die alten Griechen dachten schon, dass das nicht untersuchte Leben, sich nicht lohnt zu leben. In EXAMINED LIFE läßt die US-Dokumentaristin Astra Taylor Denker und Denkerinnen am Schauplatz New York zu Wort kommen. Peter Singer wandelt über die Fifth Avenue und denkt über Konsum und Ethik nach. Cornel West denkt im Auto über Bewegung, Leben und den Blues nach. Judith Butler entwickelt im Dialog mit ihrer Gesprächspartnerin mit Handicap eine Reflektion über Körperlichkeit, nicht Genormtes, das Helfen und das Aufeinandertreffen von Gegensätzen überhaupt. Weiter kommen zu Wort: Avital Ronell, Kwame Anthony Appiah und Martha Nussbaum. Und das Enfant terrible der Szene Slavoj Sizek vollzieht einen Tour-de-Force-Monolog über Ökologie und das entäußern von Müll, passender Weise auf einer Müllhalde. Amüsantes und Entspanntes am Zahn der Zeit.
Läuft: Freitag, 02.10., 19:15 Uhr, 3001 (englische O)
LOST PICTURES – LOST MEMORY? Die Ruine des tatsächlich existierenden Grand Hotels „Angst“ wird der metaphorisch zu verstehende Schauplatz für Benjamin Geissler’s intuitives Nachdenken über Totalitarismus, Widerstehen und die anthropologische Grundstruktur des Menschen sich mafiösen Strukturen zu unterwerfen. Dabei stand Giordano Bruno und seine Vorstellung von der Kunst der Erinnerungstechnik Pate für die Struktur des Films. Und wie drückte es der Freidenker des 16. Jahrhunderts, der in Rom auf dem Scheiterhaufen endete, aus „.. machen Sie es ruhig für die Erinnerung, aber auch für Ihre Urteilskraft wird es von großem Vorteil sein…“ Das kann man jedem Zuschauer von Benjamin Geissler’s Versuch Welt -Kenntnis nicht nur zu erwerben, sondern auch zu hinterfragen, mit auf den Weg geben. Läuft: Freitag, 02.10., 21:30 Uhr, ZEISE 2 (mehrsprachig mit U)
Text: Meike Gastner